Als selbst Betroffener musste ich 1985 feststellen, dass die Selbsthilfelandschaft in Jena eher gering ausfiel. Ich habe bis 1984 in einer Mensa, als Küchenmeister gearbeitet und ein Problem mit meinem Alkoholkonsum entwickelt.
Als die Idee entstand, selbst eine Selbsthilfegruppe zu gründen, befand ich mich gerade auf der Entzugsstation. Potenzielle Mitglieder waren also nicht weit entfernt und die Nachfrage war groß. Allein beim ersten Treffen waren 14 Personen anwesend, welche sich fortan 14-tätig trafen. Zuerst in Gaststätten, später dann in den eigenen Wohnzimmern der Mitglieder.
Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass Gespräche allein nicht ausreichen, um eine langfristige Abstinenz aufrechtzuerhalten. Es mussten Beschäftigungsmöglichkeiten her. Und dies verwirklichten wir durch den Aufbau der Sero*-Annahmestelle.
Da ich längere Zeit, als Sozialpädagoge in einer Jugendwerkstatt, gearbeitet hatte, bestanden gute Verbindungen zur Stadtverwaltung und den schon bestehenden Hilfsangeboten. Über die Jahre hatten wir Kontakte zu anderen Selbsthilfeangeboten in anderen Regionen und haben uns so über verschiedene Selbsthilfeaktivitäten und –projekte informiert. Zehn Jahre nach der Gründung der Selbsthilfegruppe kam dann der Entschluss der Vereinsgründung. 1994 wurde der Verein „Hilfe zur Selbsthilfe- Begegnung Jena e.V.“ aus der Selbsthilfegruppe heraus gegründet. Und durch die Gründung entstanden neue Fragen, so zum Beispiel die nach der Finanzierung. Viele meinten damals, „.. das wird sowieso nichts, was der Hertel da macht.“ Und es war damals tatsächlich nicht sonderlich leicht, als „Neueinsteiger“.
Rückblickend hätte ich die Chancen des Vereins mit 50/50 eingeschätzt. Es hat funktioniert, es hätte jedoch an vielen Stellen scheitern können. Denn es gab bereits die Suchtberatungsstelle der Suchthilfe in Thüringen gGmbH (SIT) und das Blaue Kreuz, welche große Träger mit finanziellen Mitteln hinter sich hatten. Unser Verein war sein eigener Träger und damit auch unabhängig. Die Idee der Gebrauchtmöbelmärkte kam durch die vielen Räumungsaktionen mit denen uns die Stadt beauftragte. Nach der Wende waren viele Wohnungen verlassen, was neue Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Da wir uns um Einrichtungsgegenstände und die Müllentsorgung selbst gekümmert haben, konnten wir günstigste Angebote vorhalten und bekamen mehr Aufträge als wir durchführen konnten.
Im Laufe der Jahre entstanden weitere Zweckbetriebe, mit unterschiedlichen Arbeits– und Beschäftigungs-angeboten, die Anzahl der Selbsthilfegruppen stieg und weitere Angebote aus dem Bereich der professionellen Suchthilfe kamen dazu. Im Dezember 2009 habe ich meinen Posten als Geschäftsführer abgegeben und bin seit 2010 noch im Vorstand des Vereins tätig. Ich organisiere unter Anderem noch einen Teil der Freizeitangebote, wie das monatliche Bowling und die Skatturniere mit.
Wir haben in den Jahren viele Erfahrungen gemacht, dass es als kleiner Träger nicht immer einfach ist. Angebote von und für Betroffene zu gestalten war und ist mir ein persönliches Anliegen. Wir haben mit unseren Angeboten vielen geholfen wieder Fuß zu fassen und eine Möglichkeit geboten sich wieder in Arbeitsprozesse einzubringen, um ihr Leben selbstständig zu gestalten.
*Sero– Sekundärrohstoffe, wiederverwertbare Wertstoffe u.a. Papier und Altglas.
