Zum Inhalt springen

Gerlinde (76)

    Ich bin seit 20 Jahren trocken und froh, dass ich nicht zu Hause rumsitzen muss, solange ich kann und sie mich haben wollen, so lange koche ich hier in der Tagesstätte. Ich komme ursprünglich aus dem Eichsfeld und bin auf dem Dorf großgeworden. Da war Alkohol immer präsent und bei jeder Feierlichkeit auch viel. In den letzten 5 Jahren vor meinem Entzug habe ich täglich und schon früh getrunken, ich war Spiegeltrinkerin. Ich habe immer mein Quantum gebraucht und habe mich nie so betrunken.
    Der Alkohol hat mir auch bei der Reduzierung von Symptomen einer Erberkrankung geholfen. Ich habe seit meinem 17. Lebensjahr einen essenziellen Tremor (Zittern der Hände). Wenn ich Alkohol getrunken habe ging das Zittern zurück. Ich glaube daher, dass dies auch ein Grund ist warum mir ein Entzug und eine Therapie ausgereicht hat und ich nicht so einen ‚Suchtdruck‘ wahrnehme. Gegen den Tremor habe ich jetzt Medikamente, die das Zittern verringern.
    Der Alkoholkonsum wurde über die Zeit einfach kontinuierlich immer mehr. Ich habe dann in der Gastronomie gearbeitet und da fiel es auch gar nicht so auf. Bis mein Sohn, der keinen Alkohol mehr trinkt, mich dann motiviert hat auch aufzuhören.
    Ich bin dann (2002) zu meiner ersten und einzigen Entgiftung auf die Station 4 gegangen. Dort hat die damalige Sozialarbeiterin den Verein vorgestellt und wir haben uns das gemeinsam angesehen. Das war noch bei Rewe, das Haus existiert jetzt nicht mehr. Ich bin dann erst zur Langzeittherapie und habe  da dann auch nochmal eine Vorstellung der Angebote mitbekommen und mir dann gedacht, da habe ich gleich was im Anschluss. Zunächst wollte ich erstmal nur in die Selbsthilfegruppe gehen. In die Gruppe bin ich dann viele Jahre gegangen.
    Ich war dann ein Jahr arbeitslos und habe bei Öffnung der Tagesstätte mitgemacht und wurde da auch bald angestellt. Seit dem koche ich in der Tagesstätte, früher 5 Tage und seit einigen Jahren 4 Tage in der Woche.
    Was ist für Dich das Besondere an diesem Verein?
    Mir hat es gefallen, wie sich der Verein damals vorgestellt hat, damals gab es ja wenig. Und in unserer Selbsthilfegruppe ist es mehr eine Gemeinschaft und wir gehen freundschaftlich miteinander um, das hat mir gefallen. Wir haben in der Gruppe auch über den Alkohol gesprochen. Für mich waren andere Gruppen, die immer und ausschließlich nur über Alkoholabhängigkeit reden und jeder über seine Woche berichtet, nicht so meins.
    Hast Du noch Bedenken Rückfällig zu werden?
    Am Anfang schon, gleich so die ersten Jahre, aber jetzt ist das kein Thema mehr. Mit der Diagnose und den Medikamenten geht es mir gut. Ich glaube, wenn ich jetzt wirklich mal einen Schluck trinken würde, dann würde ich nicht gleich wieder trinken müssen. Ich weiß aber von Anderen, von der Entgiftung, die dann nur eine Pralinen mit Alkoholfüllung gegessen haben, die haben dann wieder angefangen zu trinken.
    Ich weiß, dass würde mich nicht stören. Und manchmal, da isst du eine Praline, die man geschenkt bekommt und dann merkst du, dass bitzelt auf der Zunge. Du merkst dies als Alkoholiker sofort. Mein Sohn würde die Praline sofort ausspucken, macht er auch. Aber mich stört das nicht, ich habe da keine Bedenken, da müsste mir einer etwas eintrichtern. Ich hätte eher mehr Angst vor den Konsequenzen wie es mir gehen würde, wenn ich jetzt wieder nach so langer Zeit anfangen würde Alkohol zu trinken. Wie es mir dann körperlich geht, das ist eine Barriere für mich. Das stelle ich mir jetzt ganz furchtbar vor, mich hat der Alkohol im Umfeld nie gestört. Ich weiß aber von anderen die haben da ein Problem und trinken dann wieder.
    Was würdest Du anderen Betroffenen sagen?
    Da kann man keinen Ratschlag geben, es muss jeder seinen eigenen Weg finden.