Ich bin jetzt seit 19 Jahren trocken, es war der 18. April 2005 morgens um 08:00 Uhr das letzte Bier, das hat sich mir eingeprägt. Seitdem bin ich in der Tagesstätte der Hilfe zur Selbsthilfe Begegnung Jena e.V.
Ich komme ursprünglich aus einem Ortsteil von Jena und habe seit 1972 in den alten Bundesländern gelebt. 2005 nach dem Tod meines Vaters bin ich wieder zurückgekommen.
Ausschlaggebend für eine Veränderung meines Trinkverhaltens, war eine Aussage meines damaligen Hausarztes. Das war 1993, da habe ich als Klempner gearbeitet und bin auf Grund eines Krampfanfalls in einer Badewanne liegengeblieben und als ich nach einem weiteren Anfall bei meinem Hausarzt war, sagte er: „Das wird vielleicht Ihr letzter Krampfanfall gewesen sein.“ Und ich sagte: „Oh, ist ja prima, dann kann ich ja weitersaufen.“ Dann sagte er: „Sie kriegen keinen Krampfanfall mehr, weil sie dann schon einen Meter tiefer liegen.“
Da bin ich dann in eine Selbsthilfegruppe gegangen und dort haben sie von der Möglichkeit einer Langzeittherapie geredet. In dieser Zeit, habe ich das trinken schon stark runtergefahren. Ich bin dann in eine Langzeittherapie im Allgäu gefahren und war dort ein halbes Jahr (mit Verlängerung). Wir hatten dort einen Therapeuten, der war selbst trockener Alkoholiker, bei dem haben sie alle Schlange gestanden, für ein Gespräch. Der hat einfach gewusst was in einem los ist. Im Anschluss an die Therapie war ich 6 Jahre trocken.
Es gab auch eine Zeit, da war ich schon trocken und meine Partnerin hat noch getrunken, da war ich Co-Alkoholiker. Sie hat täglich drei Flaschen Apfelkorn getrunken, aber das hat mich nicht gestört. Ich habe ihr immer gesagt, wenn du Bier trinkst, das kann ich nicht. Ich weiß, dass ich mit dem Geschmack von Bier nicht in Kontakt kommen darf.
1999 hatte ich dann einen Rückfall, warum weiß ich nicht. Der Rückfall kam wie ein Sommergewitter: Ich habe in Halle am Bahnhof gesessen und habe mir einen Kaffee bestellt. Dann kam der Kellner und ich habe Ihm gesagt: „Den Kaffee kannst Du wieder mitnehmen und dafür bringst du mir ein Bier. Warum? Weiß ich bis heute nicht.
Mein letzter Rückfall war dann hier in Jena. Mein Bruder ist damals Taxi gefahren. Er hat mich immer abgeholt, um den Leergutkasten um zu tauschen. Danach bin ich in die Stadt gefahren und habe mit dem trinken angefangen. Danach bin ich nach Hause, dort habe ich den Kasten Bier ausgetrunken, bis auf zwei Bier, die brauchte ich für den nächsten Morgen.
Nach zwei Wochen hatte ich einen lichten Moment, das kam genauso schlagartig wie bei dem Rückfall in Halle, vollkommen ohne Ankündigung. Ich habe dann angefangen nach Unterstützungsangeboten zu suchen, denn ich wusste ja aus München, da gibt es in jeder größeren Stadt so etwas gibt. So bin ich zur Suchtberatung in Jena der SiT gGmbH gekommen, „dort hat mein neues Leben begonnen“, dazu musste ich wieder in eine Entgiftung.
Auf der Entgiftungsstation im Philosophenweg, hat sich damals schon der Verein mit seinen Angeboten vorgestellt. Die Tagesstätte war damals ein neueres Angebot und wurde beworben. Die damalige Sozialarbeiterin der Station hat mir dann auch dazu geraten mal in die Tagesstätte zu gehen. Die anderen Patienten auf der Entgiftung erzählten mir wo ich zum Trinken hingehen kann, das wollte ich nicht und da habe ich mir gesagt: „Euch zeig ich`s“.
Und jetzt bin ich seit 19 Jahren in der Tagesstätte, die Gespräche und das soziale Miteinander haben mir geholfen. Da ist immer jemand da, wenn man etwas braucht. Es sind die Leute und der persönliche Kontakt.
Ich bin später auch Lotse geworden, im Lotsennetzwerk Thüringen[1]. Da konnte ich anderen helfen trocken zu werden, denn mir wurde auch geholfen. Ich finde es besonders bei Suchtkranken wichtig sie direkt anzusprechen und zu versuchen sie mit einer klaren Ansprache zu erreichen. Und das auch immer wieder, denn es bleibt immer etwas hängen und irgendwann kann sich etwas ändern. Man muss da dranbleiben und auch nach jedem Rückfall da sein. Das haben mir viele gesagt, lass das doch, das bringt doch nichts. Aber es gab auch Personen, die nach vielen Rückschlägen dann trocken wurden. Aber es gibt auch Leute da hilft es nicht, es ist eben eine Krankheit.
Zum Umgang mit Alkohol kann ich nur sagen, dass ich ein richtiger Anti-Alkoholiker geworden bin. Ich habe schon Leute getroffen, die waren schon richtig Gelb – da hat die Leber schon angefangen nicht mehr richtig zu arbeiten. Aber ich spreche die Leute bei uns immer an, ich versuche ihnen zu helfen aufzuhören oder zumindest den Konsum zu mindern. Wenn jemand Alkoholabhängig ist, dann muss er den Alkohol meiden. Wenn ich wüsste das alles ok ist, dann würde ich mich heute Abend noch hinsetzten und ein kühles Bierchen trinken, aber ich kann das nicht, ich habe den Kontrollverlust.
Heute gehe ich am Alkoholregal vorbei, das stört mich nicht. Bei Alkohol in Lebensmitteln muss ich sagen, da achte ich auch jetzt noch drauf. Wenn es um Nahrungsmittel geht, wo ich es nicht weiß oder wenn der Alkohol verkocht ist, z.B. beim Mutzbraten oder Rostbrädel, da habe ich kein Problem, aber wenn ich weiß das Alkohol dran ist, z.B. Weinbrandbohne, das würde ich nicht essen und als ich mal einen fertig marinierten Mutzbraten (in Bier eingelegt) auf dem Markt gekauft habe und das dann realisierte, dass der mit Bier eingelegt ist, da habe ich ihn schnell meinem Bruder gebracht. Das wollte ich nicht riskieren.
Ich kann sagen der Verein und im besonderen die Tagesstätte zu verdanken, dass ich trocken bin oder besser gesagt, dass ich überhaupt noch lebe.
[1] „In einem Lotsennetzwerk arbeiten Lotsinnen und Lotsen aus der Suchtselbsthilfe mit den Fachmitarbeiterinnen und Fachmitarbeitern der Einrichtungen der Suchthilfe und angrenzender Hilfebereiche zusammen, um suchtkranke Menschen in das Hilfesystem zu integrieren und sie beim Ausstieg aus der Sucht zu unterstützen.“ Quelle: www.lotsennetzwerk.de/was/lotsennetzwerk

