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Klaus (71)

    Am 30. September 1993 habe ich mein letztes Glas getrunken – das ist mittlerweile über 30 Jahre her. Damals war an ein alkoholfreies Leben oder gar an ein solches Jubiläum überhaupt nicht zu denken. Mein Alltag war ein ständiger Spagat: Unter der Woche versuchte ich krampfhaft, auf der Arbeit ohne Alkohol irgendwie über die Runden zu kommen und am Wochenende hat man aus Gewohnheit getrunken, da hatte man kein Problem.

    Der Wendepunkt kam, als ich zum dritten Mal auf der Entzugsstation in Jena war. Diesmal war es anders, ich spürte vom ersten Tag an eine Entschlossenheit in mir. Das sollte mein letzter Entzug sein. Ich komme hier nie wieder her! Das Klinikpersonal begegnete meiner Zuversicht mit Skepsis. „Sie kommen wieder“. Diese Aussage spornte mich nur noch mehr an und ich behielt Recht. Seit jenem Tag habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angefasst. Heute ist das Thema für mich erledigt – selbst wenn in meinem Umfeld getrunken wird, lässt es mich völlig unberührt.

    Der Schlüssel für meinen dauerhaften Weg aus der Sucht war die Selbsthilfe. Noch während meiner Zeit auf Station stellte sich uns die damalige Selbsthilfegruppe rund um Alfred vor – den Verein in seiner heutigen Form gab es damals noch gar nicht. Wir trafen uns von da an alle zwei Wochen. Meine Arbeit verlangte mir mit einem harten Vier-Schicht-System extrem viel ab, aber ich setzte Prioritäten. Ich habe kein einziges Treffen verpasst.

    Ob ich es ganz alleine soweit geschafft hätte? Ich bezweifle es stark. Am Anfang war die Selbsthilfegruppe Neuland für mich, was es wirklich bedeutet, trocken zu leben, begreift man erst im Laufe der Zeit. Die Gruppe gab mir dabei das nötige Fundament. Ich wusste einfach, dass ich dort einen festen Ort hatte, an den ich jederzeit gehen konnte – völlig ohne Zwang. Wenn der Alltag schwieriger wurde oder Probleme auftauchten, fand ich immer jemanden, der ein offenes Ohr für mich hatte und mir mit ehrlichem Rat zur Seite stand.

    Ein oder zwei Jahre nach der offiziellen Vereinsgründung wurde ich schließlich auch formelles Mitglied. Über die Jahre ist die Gemeinschaft zu einem unersetzlichen Teil meines Lebens geworden. Seit nunmehr über 20 Jahren engagiere ich mich aktiv im Vorstand unseres Vereins. Wir sind ein Team aus fünf Personen, treffen uns regelmäßig und organisieren die Vereinsarbeit – zu tun gibt es schließlich immer reichlich.

    Durch meine langjährige Erfahrung habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, die eigene Geschichte offen zu teilen. Ich erzähle sie, um Mut zu machen, aber auch um ungeschönt aufzuzeigen, was passieren kann, wenn man den Ausstieg nicht schafft. Ich habe leider viele Weggefährten gesehen, die es nicht geschafft haben. Am Ende trägt jeder Mensch die Verantwortung für sich selbst und muss die Entscheidung für sein Leben alleine treffen. Doch man sollte sich immer einer Sache bewusst sein: Wer die Augen vor seiner Sucht verschließt, spielt letztlich mit seinem eigenen Leben.